Angsthunde – Definition, Diagnostik, Management, Trainingsansätze

Angsthunde„Angsthunde – Definition, Diagnostik, Management, Trainingsansätze“ von Bettina Specht
animal-learn Verlag, 2015, ISBN(13) 978-3936188592, ISBN(10) 3936188599, EUR 19,90
136 Seiten, Hardcover, durchgehend farbig
– erhältlich bei  www.animal-learn.de

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„Das Wichtigste, das ich lernen musste, war, dass Angst eine der vielfältigsten und individuellsten Emotionen ist, die es gibt.“ Daraus ergibt sich in der Konsequenz, dass dieses Buch, anders als andere zu dem Thema, nicht wie ein „Kochbuch“ aufgebaut ist, sondern es wird davon ausgegangen, dass das Tier „keine beliebig konditionierbare Biomasse ist“. „Einen Zugang zur Angst bekommt man nur, wenn man versteht, was bei Angst überhaupt in Kopf und Körper passiert.“ (Zitate S. 6).
Die Hunde, die in diesem Buch beschrieben werden, sind eher die grundsätzlich völlig ängstlichen Tiere, die als erwachsene Hunde aus dem Tierschutz übernommen werden.

Der Ansatz ist, dass der Leser grundsätzliches Wissen zur Angst bei Hunden vermittelt bekommt, so dass individuell eigenen Ansätze gefunden werden können. Dazu werden noch die Grundpfeiler des Trainings vermittelt. Und dieser Ansatz ist absolut gelungen. In der ersten Hälfte des Buches wird untersucht, was Angst eigentlich ist, was sie macht bis hin zu einer neurobiologischen Betrachtung. Das Ganze geschieht gründlich und klar verständlich und, wie die Autorin selbst sagt, vereinfacht. Die Stärke ist, dass sie es schafft, Vergleiche zu schaffen, die gut im Kopf bleiben, so wie zum Beispiel das Fahrstuhlmodell für drei Gehirnebenen, in denen sich die Angst bewegt. Oder eine Begegnung der Autorin mit einem furchteinflössenden Krampus wird als Beispiel herangezogen.
Mir gefällt die grundsätzliche Sichtweise: „Eine Auseinandersetzung mit der Angst ist der Schlüssel zu ihrer Überwindung – bei Mensch und Hund!“ (Zitat S. 30) Es wird nachvollziehbar erklärt, warum ein ständiges Ausweichen vor Angstobjekten die Angst nicht verringert.

Als Erste Hilfe wird bezeichnet, dass Grundbedingungen geschaffen werden. Der Hund muss gesund sein, elementare Grundbedürfnisse müssen befriedigt werden. Als Beispiel dafür steht die Bedürfnispyramide nach Maslow. Das Ziel ist, dass das Team zusammenwachsen muss und der Hund soll sich in der Nähe seiner Menschen entspannt aufhalten können, bevor ein konkretes Training beginnt.

Als Trainingsmethoden direkt an einem Angstobjekt werden die systematische Desensibilisierung, die Distanzverringerung und der Aufbau einer positven Assoziation erklärt. Manchmal ist auch Habituation die Wahl, diese wird ebenfalls erklärt.
Auf keinen Fall sollte mit Flooding gearbeitet werden.
Bei nicht konkreten Angstobjekten ist es der Ansatz, das Selbstvertrauen und die Bindung zum Menschen zu stärken.

Vier als nützlich bezeichnete Signale im Alltag, wie schau mal her, auf die Seite, Stopp und ein Umkehrsignal, werden aufgebaut. Es wird beiläufig ein Code- oder Markerwort eingeführt. Beim tatsächlichen Training dieser vier Signale wird es dann nicht verwendet. Allerdings wird es, genau wie der Clicker, als „Geräusch“ für ein Umkehrsignal vorgeschlagen. Das ist entweder missverständlich benutzt oder missverständlich beschrieben.

Interessant ist das Kapitel zur menschlichen Komponente. Hier gibt es die Überlegung, ob im Einzelfall nicht auch eine Übertragung der menschlichen Ängste auf den Hund vorhanden sein kann.

Eine sehr ehrliche Aussage der Autorin gibt es zum Thema, dass auch schon der Mensch mal die Nerven verliert und zum Angstauslöser Nummer 1 wird: „Es wird geschimpft, man wird gereizt und lauter, als es dem Hund gut tut. Man zerrt ihn irgendwohin, obwohl er ja eigentlich hinter der Yuccapalme wohnt. Man hadert, dass der Hund ja eigentlich dankbar sein müsste … Sie denken beim Lesen dieser Zeilen, so sind Sie nicht? Fein. Ich war schon so und halte es für menschlich. Wichtig ist, dass man es merkt und dann schnellstens ändert.“ (Zitat S. 91)

In dem Kapitel über Hilfsmittel werden Dinge wie ein gut passendes Geschirr, lange Leine, GPS-Sender, Naturheilkunde, Thundershirt, Futter besprochen.
Die Autorin ist der Meinung, dass man nicht mit L-Theanin experimentieren soll, weil noch zu wenig über die Systeme und Vorgänge wissen und nicht das Hormon- und Neurotransmittersystem durcheinanderbringen sollen.
Eine Entscheidung zur Kastration sollte unabhängig von der Angstproblematik nach anderen Kriterien getroffen werden

Abschliessend gibt es noch ein Kapitel über den ängstlichen, entlaufenen Hund. Es wird recht ausführlich beschrieben, welche Massnahmen hier ergriffen werden können und welches Verhalten an den Tag gelegt werden sollte, um ihn nicht noch weiter zu verängstigen.

Autor/in:
Bettina Specht ist professionelle Hundetrainerin.

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