Ich halte dich – Ein Wegweiser für ungehaltene Hunde Band 2

Ich halte dich - Ein Wegweiser für ungehaltene Hunde Band 2„Ich halte dich – Ein Wegweiser für ungehaltene Hunde Band 2 – Die sichere Bindung als beste Erziehung“ von Mirjam Cordt
Caniversum Verlag, 2016, ISBN(13) 978-3981289046,  ISBN(10) 3981289048, EUR 28,70
352 Seiten, durchgehend farbig, Hardcover
– erhältlich auf der Verlagsseite

Autoren-Website

Das bestimmende Thema in diesem Buch, dem Zweiten aus der geplanten Reihe von Fünf, ist die Bindung zwischen Mensch und seinem Hund.
Es wird definiert, was Bindung ist, wie sie entsteht, warum sie so wichtig ist und wobei sie unterstützt.
Die Devise lautet „Halten, wenn ungehalten.“
Zitat Seite 23: „Die Bindungsperson wird für den Hund zur sicheren Basis und zum sicheren Hafen. Die sichere Basis ist der Ausgangspunkt, von dem Erkundungen gestartet werden können. Fühlt sich der Hund bedroht, so wird das Bindungsverhalten aktiviert und er sucht bei der fürsorgenden Bindungsperson, seinem sicheren Hafen, Schutz und Beistand.“

Es werden Abstecher zur Bindung beim Kind gemacht und Bindungsmuster aufgezeigt. Diese lassen sich vom Kleinkind auf den Hund übertragen und es werden verschiedene Entsprechungen bei Mensch und Hund dargestellt.

Zitat Seite 51: „In der sicheren Bindung gehalten, hat der Hund seinen Menschen als unerschütterliche sichere Basis erfahren, wodurch ihm viel Stress und Sorge genommen wird. Er ruht in sich und kann befreiter, offener und damit besser gelaunt die Umgebung erkunden, sich mit ihr auseinandersetzen und auf sie reagieren. In dem er sein Erkundungsverhalten unter dem sicheren Schirm seines Menschen ausleben kann, macht er neue Erfahrungen, lernt seine Fähigkeiten einzuschätzen und Probleme zu lösen;“
Hier sieht man deutlich, dass durchaus „Hund“ durch „Kind“ ersetzt werden kann. Auch die Vorstellung der Helikopter-Eltern und Curling-Eltern wird ebenfalls auf den Hund übertragen.
Zitat Seite 89: „Das Ziel sollte nicht ein Hund sein, der auf permanente Unterstützung seines Menschen angewiesen bleibt, sondern ein Hund, der unter Anleitung seines Menschen nach und nach gelernt hat, in Konflikten auf eigenen Beinen zu stehen.“
Achten, wertschätzen, fördern sind Begriffe, die hier fallen.

Auch werden immer wieder verschiedene Versuche mit anderen Tieren angeführt.

Es wird die These aufgestellt, dass geteiltes Leid halbes Leid ist. Der Mensch also nicht unbedingt entspannt sein muss, sondern in einem Versuch hat sich im Gegenteil herausgestellt, dass die Gegenwart eines Leidensgenossen das Stressniveau am effektivsten senkt.

Die H.A.L.T.-Methode der Autorin wird vorgestellt. Diese Abkürzung bedeutet Hilfe beim Aufbau einer liebevollen Tier-Mensch-Beziehung.
Die ersten Trainingselemente, die beschrieben werden, dienen dem Aufbau von Nähe und Vertrauen. Langsam, nicht aufgedrängt zum Beispiel ein Sleep-In, ein Sit-In, einfach da sein und sich aneinander gewöhnen. Ohne Stress näherkommen und Schutz, Geborgenheit und Fürsorge vermitteln. Hier gibt es ausführliche Beschreibungen, wie die Gestaltung im Einzelfall aussehen kann.

Bei den„Korrigierende Bindungserfahrungen“ muss zuerst der Mensch sich selbst einen Spiegel vorhalten und sich ändern. Bindung kann wiederhergestellt und/oder neu gelernt werden, hierbei können Rituale und vertraute Umgebungen helfen. Der Betreuer des Hundes soll sich kontrolliert verhalten und gezielt gute Emotionen und sozialtaugliche Strategien vorleben.
Es wird anschaulich beschrieben, wie adoptionswillige Menschen mit den Tierschutzhunden der Autorin zusammengeführt werden.

Die Bezeichnung des Kapitels „Lenken des sozialen Referenzierens“ finde ich ein wenig unglücklich gewählt und ohne genaue Definition nicht zu einzuordnen. Gemeint ist (Seite 245) „Die Orientierung von Kleinkindern an ihre Bezugspersonen, um von ihnen zu erfahren, wie ein Lebewesen, eine Situation oder Objekt emotional zu bewerten ist.“
Bedeutet in der Praxis in Kürze benannt die Rückversicherung des Hundes. Es ist erwünscht, dass er kurz zu seinem Menschen Kontakt aufnimmt. Zum fraglichen Objekt hinschauen und dann zum Menschen schauen. Es soll ein alternatives Verhalten möglichst selbst entwickelt werden und nicht durch ein eingeübtes Signal vorgeschlagen werden. Es wird gesagt, dass so der Hund Zusammenhänge begreift und er muss selbst geistig so weit sein, ein Alternativverhalten anzubieten.

Auch hier wird wieder gesagt, dass der Mensch selbst aufgeregt sein kann, er muss sich selbst kontrollieren. Es gibt Übungen zum Entspannen und zur eigenen Körpersprache. Bei diesem Thema wird auch mit einem Marker gearbeitet.

Weiterhin sind noch Reiz als Erfolgsauslöser und Click für ein Anschauen ausführlich beschrieben, bei denen die Emotionen geändert werden. Aus anderer Literatur bekannt als Open Bar und Click for Blick. Von einem Reiz, der gleich zuviel werden wird, kann der Hund weggelobt werden.

Den Anhang des Buches über die Situation von Kühen und der Unmenschlichkeit im Umgang mit ihnen, finde ich zusammenhanglos.

Der ganze Text wird begleitet von korrekten Quellenangaben und vielen echten Fallbeispielen.

Fazit:
Das Buch ist gründlich und breit in den Schilderungen und Erklärungen. Für mich persönlich hätte das ziemlich kürzer und mehr auf den Punkt sein können, aber das ist Kritik auf hohem Niveau. So besteht wenigstens nicht die Gefahr, dass jemand die Grundgedanken nicht verstehen könnte. Und ich glaube, so ein grundsätzliches Überdenken unserer Beziehung zu den Tieren wird angeregt, etwas bleibt auf jeden Fall haften.
Viele der geschilderten Übungen können auch gut in den Alltag mit nicht problematischen Hunden integriert werden.

Autor/-in:
Mirjam Cordt lebt und arbeitet seit vielen Jahren mit Hunden, und ihr besonderes Interesse gilt dabei den angeblich unvermittelbaren, nicht resozialisierbaren, denen keine Chance auf Vermittlung gegeben wird. Seit Jahren holt sie diese Tiere zu sich, trainiert mit ihnen, baut ihr Vertrauen zu Menschen und Hunden wieder auf, hilft ihnen, ihre Ängste und Probleme zu überwinden, gliedert sie in Gruppen ein, vermittelt sie auf gute Plätze weiter oder behält sie bis zu ihrem Tod.
Sie ist Buchautorin, Referentin, Hundetrainerin und die erste Vorsitzende der Herdenschutzhundhilfe.

Autoren-Website